Grenzpfosten-Spiritualität
Im ersten Jahrhundert vor Christus konzentrierten sich viele rabbinische
Schriften auf die Themen Beschneidung, Speisevorschriften und Sabbatgebote. Auf den ersten
Blick scheint dies seltsam zu sein, weil kein frommer Rabbiner behauptet hätte, dass diese
Punkte den Kern des Gesetzes ausmachen. Im Zentrum stand: "Höre, Israel: Der Herr ist unser
Gott, der Herr allein. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer
Seele und mit ganzer Kraft" (5. Mose 6,4-5). Warum dann die Konzentration auf diese
drei Praktiken?.
In diesem Zusammenhang wird dann auch die Bedeutung von Beschneidung, Speisevorschriften
und Sabbatgeboten im ersten Jahrhundert vor Christus deutlich. Es waren die Grenzmarkierungen;
die gut sichtbaren, relativ oberflächlichen Praktiken, die den Menschen zu erkennen halfen,
wer innerhalb und wer außerhalb der Familie Gottes stand. Schlimm ist nur, dass die Insider
stolz wurden und die Outsider verurteilten. Sie praktizierten einen "grenzorientierten
Ansatz": Schau die Leute einfach an, dann weißt du, wer zu den Schafen und wer zu den Böcken
gehört ...
Bei Jesus war es anders. Die Botschaft Jesu sprach die tiefste Sehnsucht der Menschen an,
sich nicht einfach an eine religiöse Subkultur anzupassen, sondern zu völlig neuen Geschöpfen
verwandelt zu werden. Statt sich auf die Grenzen zu konzentrieren, konzentrierte Jesus sich
auf das Wesentliche, auf das Herz des geistlichen Lebens..
Als Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt wurde, antwortete er einfach: "Liebe Gott, liebe
die Menschen." Er führte ein völlig neues Kriterium ein, anhand dessen man die Kinder Gottes
identifizieren konnte: "Lieben sie Gott, und lieben sie die Menschen, die Gott so wichtig sind?".
(Auszug aus: John Ortberg; Das Leben, nach dem du dich sehnst)